ISOVER (Saint-Gobain) hat sein Glaswolle-Portfolio in den vergangenen Monaten gezielt auf die Anforderungen des GEG (Gebäudeenergiegesetz) und die EU-Taxonomie ausgerichtet. Der Hersteller, Teil der Saint-Gobain-Gruppe, positioniert sich mit Produktlinien, die Recyclatanteile von bis zu 84 % erreichen und gleichzeitig strenge thermische Anforderungen erfüllen. Für Architekten, Planer und Baustoffhändler, die vor der Wahl stehen, ob sie Mineralwolle oder alternative Dämmstoffe spezifizieren, ist diese Verschiebung von Bedeutung – insbesondere, wenn sie messbare EPD-Daten und Lebenszyklus-Emissionen vergleichen müssen.

Produktstruktur: Focus, Ultimate, ConForte und Multimax Ultra

ISOVER setzt auf ein gestaffeltes Sortiment, das sich nach Anwendungsfall und Lambda-Wert differenziert. Die Focus-Reihe (Focus 035, Focus 032) richtet sich an den preissensiblen Neubau und die Sanierung bei Einhaltung der U-Wert-Anforderungen nach GEG. Mit einem Lambda-Wert von 0,035 bzw. 0,032 W/(m·K) liegen die Produkte im Mittelfeld zwischen Standard-Mineralwolle und Hochleistungsdämmung. Der Recyclatanteil liegt bei rund 65 %.

Für Sanierungen und Dachgeschoss-Ausbauten, die erhöhte Anforderungen an Schallschutz und Wärmedämmung stellen, bietet ISOVER die Ultimate-Linie mit Lambda-Werten ab 0,030 W/(m·K) und einem Recyclatgehalt von bis zu 80 %. Ergänzend positioniert sich ConForte als Produktgruppe für hohe Schalldämmwerte im mehrgeschossigen Wohnbau – ein Segment, das angesichts der Nachverdichtungswelle in deutschen Ballungsräumen an Bedeutung gewinnt.

Die Multimax Ultra-Serie adressiert Anwendungen mit extremen Anforderungen an Dämmleistung und Brandschutz (Euroklasse A1, nicht brennbar). Mit Lambda-Werten von 0,028 W/(m·K) und einem Recyclatanteil von bis zu 84 % zielt ISOVER hier auf Passivhaus-Projekte und energetische Sanierungen nach KfW-Effizienzhaus-Standard 40 und darunter.

EPD-Datenlage und CO₂-Bilanz: Kritische Einordnung

ISOVER hat für seine Glaswolle-Produkte umfassende EPD-Dokumente nach ISO 14025 vorgelegt. Der dokumentierte CO₂-Fußabdruck liegt – je nach Produkt und Produktionsstandort – zwischen 1,2 und 2,1 kg CO₂-äq. pro kg Dämmstoff. Vergleichsweise niedrige Werte gelingen dank des hohen Altglas-Einsatzes und elektrisch betriebener Schmelzöfen, die in Teilen mit regenerativer Energie gespeist werden.

Dennoch bleibt die Frage, ob die EPD-Daten die vollständige Prozesskette abbilden. Die Vorkette – insbesondere Altglas-Sammlung und Transport – wird oft nur pauschal berücksichtigt. Zudem fehlt in den öffentlich verfügbaren EPD-Informationen oft die Darstellung des End-of-Life-Szenarios. ISOVER wirbt mit Kreislaufkonzepten, publiziert aber bislang keine systematische Rücknahmelogistik für Glaswolle aus Abbruchprojekten. Dies ist ein Unterschied etwa zu Austrotherm, das ein XPS-Rücknahmesystem etabliert hat.

Marktposition: ISOVER versus ROCKWOOL und Knauf

Im Wettbewerb mit ROCKWOOL (Steinwolle) und Knauf (Glaswolle + Steinwolle) kann ISOVER seine Stärken vor allem in der Bauchemie-Integration und der Vertriebsreichweite von Saint-Gobain ausspielen. Saint-Gobain ist vertikal integriert – von Glasfasern über Binde- und Imprägniermittel bis zu Fassadensystemen. Dies erlaubt ISOVER, Komplettsysteme für WDVS und Holzrahmenbau anzubieten, die bauaufsichtlich bereits kombiniert geprüft sind.

ROCKWOOL dagegen setzt auf die höhere Temperaturbeständigkeit und Formstabilität von Steinwolle – ein Vorteil in Hochbau-Anwendungen mit erhöhten Brandschutzanforderungen. Knauf wiederum hat in jüngster Zeit stark in den B2B-Direktvertrieb und in digitale Planungs-Tools investiert, die ISOVER noch nicht in dieser Breite anbietet.

Marktanteile in Deutschland sind nicht öffentlich segmentiert, branchenübliche Schätzungen gehen von einem Drei-Parteien-Oligopol aus, bei dem ROCKWOOL, ISOVER und Knauf gemeinsam rund 75 % des Mineralwolle-Segments abdecken.

Aktuelle Entwicklungen: Plant-Based Binder und digitale Bauakte

ISOVER arbeitet – wie die gesamte Branche – an der Substitution phenol-basierter Bindemittel durch biobasierte Alternativen (z. B. Lignin, modifizierte Stärke). Ein kommerzielles Serienprodukt ist bislang nicht angekündigt, Pilotchargen wurden aber bereits in Projekten verbaut. Parallel forciert ISOVER die Digitalisierung von EPD-Daten: In Partnerschaft mit BIM-Plattformen sollen künftig Lambda-Wert, Recyclatgehalt und CO₂-Fußabdruck direkt in das 3D-Modell fließen und so die Planungsphase von energetischen Sanierungen beschleunigen.

Ausblick: Taxonomy-Readiness und Kreislauf-Lücke

Mit Blick auf die EU-Taxonomy Technical Screening Criteria für Baustoffe steht ISOVER – wie alle Dämmstoff-Hersteller – vor der Herausforderung, nicht nur die Produktions-CO₂-Emissionen zu senken, sondern auch die Kreislaufführung nachzuweisen. Die aktuellen Recyclatanteile von bis zu 84 % klingen eindrucksvoll, beziehen sich aber auf frisches Altglas aus der Container-Sammlung, nicht auf Rückbau-Mineralwolle. Hier klafft noch eine Lücke, die auch politisch relevant wird: Die geplante Novelle der deutschen Ersatzbaustoffverordnung ab 2026 könnte Mineralwolle erstmals als sortenreinen Recyclingstrom definieren – mit entsprechenden Rücknahmepflichten.

Für Architekten und Planer, die zirkuläre Bauprojekte realisieren wollen, bleibt bis dahin die kritische Frage: Wo verbleiben die Dämmstoffe nach 40 Jahren Nutzung? Verbrennung in der Ersatzbrennstoff-Anlage ist noch immer die Regel – und widerspricht dem Kreislaufgedanken fundamental.